Intensive Arbeit einer verschworenen Gemeinschaft
bis zum "bitteren Ende" von WCC
Zweiter Teil - Autor: Tim Woods - Veröffentlicht: März 1986 im "Sparks Yournal".
Übersetzung: Rolf Marschner, DL9CM

Die WCC-Funker im Jahre 1970
März 1993. 
Viele der Mitarbeiter, die über Jahre bei "Chatham Radio", einst die größte Funkstation der Nation, beschäftigt waren, sind im vorangegangenen November in den Vorruhestand gegangen. Nachdem im Jahr 1988 "MCI International" die Station gekauft hat, ist sie der Eigner. Sie hat inzwischen die Sende- und Empfangsein- richtungen automatisiert, und es bleibt nur noch eine Stammbesatzung übrig, um die Geräte zu warten. "Es ist kein glücklicher Platz mehr!"

Der Kontrast zu früheren Jahren, als Dutzende von Funkern und Telex-Mitarbeitern für RCA in der Luft waren, für eine Firma, die ihren Mitarbeiten sichere Arbeitsplätze bot, kann nicht größer sein. Das Frühjahr des Jahres 1993 markiert den Beginn des Endes dieser historischen Küstenfunkstelle, die im Jahre 1997 für immer geschlossen wurde.

"Es war eine Frage der Kosten" sagt William Ferris, zur Zeit der Automatisierung Leiter der Station. Angeblich wurde durch die Automatisierung die Effizienz erhöht.

Modernere Technik kam hinzu; Telex und Satelliten-Kommunikation ließen den Morsecode im Staub versinken. Der Todesstoß für die Station kam letzte Woche, nach der weltweiten Übereinkunft, von den Vereinten Nationen unterstützt, dem "Punkt und Strich-System" als offizielles Seefunk-Kommunikationsmittel ein Ende zu bereiten.
Mehr als 70 Jahre jedoch war WCC das vielleicht bekannteste Rufzeichen für alle Funker auf den Weltmeeren. Für die Männer und Frauen, die auf der Empfangsstelle in Chathamport und der Sendestelle in South Chatham arbeiteten, waren es Tage intensiven Dienstes, aber sie liebten Ihre Arbeit in der kollegialen Atmosphäre.
"Für mich, war es ein Vergnügen," sagt Lee Baumlin. Er war 30 Jahre Funker bei WCC. Als er im Jahre 1962 begann, wurden ihm 100 Dollar pro Woche gezahlt. Gutes Geld für die damalige Zeit, und wer hier arbeitete genoss ein gewisses Ansehen. Aufgrund des hohen Verkehrsaufkommens, vom Seenotfall bis hin zu den Wetterberichten und privaten Nachrichten die von der Funkstelle empfangen wurden, mußte der Funker schnell und exakt arbeiten. "Nur Experten konnten bei Chatham arbeiten", sagt Baumlin, ein Einwohner von Harwich der heute noch seine alte "Mac"-Taste besitzt.
Luftaufnahme "Chatham Radio" von 1984
links die von Efeu bewachsene Empfangsfunkstelle
Die von Efeu bewachsene Empfangsfunkstelle war das Nervenzentrum. Hier arbeiteten die Funker und "wiremen", übertrugen Meldungen auf Telex und Telegrammformulare. Am Tage waren bis zu neun Funker beschäftigt, in der Nacht weniger; in späteren Jahren, als der Verkehr nachließ, gab es während der Zeit von Mitternacht bis 0700 Uhr morgens nur noch einen Funker.
Aufgrund der großen Anzahl von Funkgeräten im offenen Raum war die Atmosphäre oft grau und heiß und es roch nach Ozon, das von hunderten von Röhren abgegeben wurde. Es war nicht ungewöhnlich, dass Zigaretten- und Pfeifenrauch um das sich drehende Förderband wirbelte, in das die Funker die Telegramme legten, so wie sie empfangen worden waren. Das "click-clack" der Schreibmaschinen und der Morsetasten erfüllte der Raum. "Es war eine Beschäftigung die man lieben mußte" sagt Funker William Pyne. "Nicht viele Leute konnten acht Stunden am Tag sitzen und telegrafieren."
"Es herrschte immer eine Art Hektik," erinnert sich E. Fletcher Davis, dessen Vater, Everett, von 1931 bis 1957 an der Station arbeitete. "Man sah niemals jemanden herumsitzen. Sie arbeiteten immer nur mit Schiffen."
Vom Empfangsraum der Station bedienten die Funker die rautenförmige Rhombic Antenne, die Signale aus weiter Ferne empfing. Ausgehende Telegramme wurden in den ersten Jahren über eine Überlandleitung zur RCA-Sendestelle nach Marion, später über ein neuentwickeltes "microwave system", und nach 1947 über Funk zur Sendestelle in South Chatham geschickt. Die wenigen Techniker, die die Sender einsatzbereit hielten, waren auf einem Berg isoliert, konnten aber von dort die Forrest Beach marsh überblicken.
"Was das Personal anbetraf, waren wir immer noch eine Außenstelle von Chathamport," sagt William Ryder, der von 1961 bis 1983 als Techniker in South Chatham beschäftigt war. "Und sie ließen uns in Ruhe, solange die Dinge gut liefen, manchmal verging eine lange Zeit bis wir Leute aus Chathamport sahen."
Die Mitarbeiter der Funkstation untereinander, bildeten eine verschworene Gemeinschaft. Bei der Arbeit, aber auch im sozialen Bereich. Das Gelände von Chathamport war eine Enklave und getrennt vom Rest der Stadt. Als Marconi 1914 die Station errichtete, war es eine Notwendigkeit, Quartiere und Häuser für die Beschäftigten zu errichten. Er baute sechs Einfamilienhäuser auf dem Gelände, sie alle waren vor dem Wasser des Atlantischen Ozeans geschützt. Nicht so die frühere Marconi-Station, sie lag direkt am Strand in Wellfleet und verfügte über einen zweigeschossigen Schlafsaal. Verheiratete Funker waren in Bungalows untergebracht während die Junggesellen in einem doppelstöckigen Wohnhaus lebten. Man nannte sie "die Deppen", eine Anspielung auf die Tatsache, daß viele der Funker das waren, was wir heute "Sonderlinge" nennen würden. Das Gebäude wurde schlicht das "Hotel" genannt.
Die Station unterhielt ein Floß in der Ryder’s Cove und ein Picknick-Gelände an der Küste. "Letzteres wurde schließlich so populär, daß es geschlossen werden mußte", erzählt Bruce Macintosh, dessen Vater Gordon Macintosh, Funker bei Chatham war. Seine Familie lebte in einem dieser Bungalows und er erinnert sich, daß er seinem Vater das Essen in die Station brachte. Er mußte sein Mittagessen vor seinem Empfänger einnehmen, und das war das einzige, was sein Vater nicht liebte.
"Für ein Kind war es faszinierend" sagte Macintosh, heute leben wir in Harwich. "Da waren alle diese konzentrierten Kerle." Ich ging herum und sagte "hi" zu allen, aber sie antworteten nicht - weil sie so konzentriert waren!
Als das Militär 1942 die Station übernahm, wurde Macintosh’s Familie gezwungen auszuziehen. Für die nächsten Jahre beobachtete die Marine aus der Station Chatham den deutschen U-Boot-Funkverkehr und sendete die abgehörten Meldungen weiter nach Washington. Dick Lumpkin, der hier zweieinhalb Jahre stationiert und Chef der Telex-Abteilung war, sagte, wenn Signale empfangen wurden informierten wir die Peilfunkstellen die überall stationiert waren, und die stellten dann den Standort der Schiffe und U-Boote fest. Während der Höhepunkts dieser Operationen waren mehr als 300 Personen auf der Station, mehr als 100 Frequenzen wurden beobachtet. Das Personal war in der "Hawthorne Inn", "Rose Acre Inn" und anderen Herbergen untergebracht. Die Offiziere wohnten im Hotel. Busse brachten das Personal zur Station und zu ihren Arbeitsplätzen rund um die Stadt, aber auch zu Unterhaltungsabenden in der "Chatham Bars Inn", zu Baseballspielen und zur "Red Men’s Hall", neben dem Postamt in der Innenstadt.
Lumpkin, der ein Mädchen aus Chatham heiratete, kehrte nach dem Krieg zurück und berichtet, daß die Station einen Sanitätsbereich in einem der Häuser an der Old Comers Road beherbergte. Mit einem Arzt, vier Sanitätern und einem "Packard"-Krankenwagen. Es war höchste Geheimhaltung angeordnet, keinem war es erlaubt, über das zu berichten, was hier vor sich gegangen war. Erst vor wenigen Jahren wurden Informationen über die Aktivitäten der Marine bekannt, berichtet Lumpkin.
William Pyne erinnert sich, daß die Kinder in dem umzäunten Gebiet gut heranwachsen konnten. Sie hatten viel Platz auf dem 30-Hektar großen Stationsgelände mit seinen morastigen Preiselbeerplätzen und den sie umgebenden Wäldern. "Es war eine verschworene Gemeinschaft während dieser Zeit," sagt Pyne. Es gab einen Nachbarschaftsschutz, wie in alten Zeiten. Jeder paßte auf den anderen auf. Die Häuser waren gut und großzügig gebaut, besaßen vier Schlafzimmer, einen Speise- und Aufenthaltsraum, alle mit 2.70-m-Deckenhöhe. Sie waren über "intercom" mit der Station verbunden. Pyne’s Familie lebte 27 Jahre in dem zur Station gehörenden Haus. Viele der Mitarbeiter wohnten in Chatham oder in den Dörfern der Umgebung. In vielen Fällen standen sie abseits der Gemeinschaft, so wie Ryder, der hier aufwuchs und angesehen war. Sie verdienten gutes Geld, hatten Sicherheit und Arbeit im Innern zu einer Zeit, als andere vom Angel- und Seetourismus lebten.
"Die Leute kamen von New York, New Yersey. Sie hatten Charakter," betont Macintosh. "Sonntags abends gingen sie alle hinunter in das Haus von Dick Loraine," erinnert sich Davis. "Sie waren wirklich eine sehr enge Gruppe." "Die Menschen kannten die Funkstation," sagt Thomas R. Pennypacker, ein ehemaliger Stadtrat, dessen Vater, ein Seefunker, oft bei WCC anrief. "In den Tagen war der Code etwas Spezielles, und die Leute waren nicht daran interessiert." Aber er fügt hinzu, "er brachte viel Beschäftigung für die Stadt." 
 
 
Funker  auf der Empfangsfunkstelle in den 60er Jahren
Von links: Gordon Macintosh, Wayne Talkington, Forrest Robinson, 
Howard Quinn und Frank White im Hintergrund.
Wie die Technik, so änderte sich auch WCC. In den 70er Jahren übernahm SITOR (Simplex Telex Over Radio) den Verkehr zwischen den Schiffen und ihren Agenten und machte den Funker überflüssig. Kabinen, die uns zwar ein modernes, aber steriles Gefühl gaben, wurden in den Empfangsraum gebaut. Trotz beträchtlicher Investitionen durch "MCI International", das die "RCA Global Communications" im Jahre 1988 gekauft hatte, ging das Geschäft zurück. Die US-Schiffahrt verringerte sich. Die internationale SOLAS forderte für alle Schiffe eine Satelliten-Ausrüstung. Da es nötig wurde die Effizienz zu erhöhen, wurde die Funkstelle 1993 von MCI automatisiert. Alle Signale wurden jetzt zu KPH, einer anderen Küstenfunkstelle in Point Reyes, Californien geleitet.

"Der gesamte Seefunk wurde verändert, es gab keinen Platz mehr für die Morsetelegrafie, die für uns Brot und Butter bedeutete," sagt Farris, dessen Mutter während des Krieges eine der "Wellen" bei WCC war, und dessen Bruder Ron auch auf der Station arbeitete. Die Veränderungen geschahen aufgrund der hohen Lohnkosten für die Funker, und er behauptet, daß es eine gezielte Sparmaßnahme war.
Francis Doane am Arbeitsplatz

Als Farris die Station verließ, nahm er alte Funktagebücher und Fotoalben, die den Weg zurück bis zu den ersten Jahren beschreiben, mit. MCI machte das Gebäude leer und hatte kein Interesse an der Geschichte der Station. Er besitzt die Bücher heute noch und sagt, es gibt noch viele antike Funkausrüstungsgegenstände auf der Station. Ironischerweise arbeitet heute eine Firma namens Farris für Globe Wireless, sie unterhält einen e-mail-Service für Schiffe auf See, und besitzt die Lizenz für WCC und KPH.
Es ist vorgesehen, daß der Gemeinderat am 23. Februar über den Kauf der Liegenschaften in Chathamport und South Chatham durch die Gemeinde abstimmt. Ausnahmslos alle die früher an der Station tätig waren, sind dafür. Viele sähen gern ein Gebäude als Museum auf dem Gelände, damit die Geschichte der Küstenfunkstelle "Chatham Radio"/WCC und der dort tätigen Menschen nicht für immer verloren ist.
Im Nervenzentrum von Chatham Radio/WCC
Höhepunkte der "South Wellfleet"- Funkstation
1901 - Marconi beginnt mit dem Bau einer Funkstation auf einer 8 Hektar großen Steilküste in South Wellfleet.
1901 - Der Stationsmast wird vom Sturm umgeworfen.
1902 - Eine neues Antennensystem wird errichtet und von vier 210-Fuß Holzmasten gestützt.
1902 - Die Station "CC" (Cape Cod) arbeitet auf 1500 Meter.
1903 - Das erste drahtlose Telegramm wird von den Vereinigten Staaten nach England gesendet.
1905 - Der italienische Rahsegler "Castagna" läuft im Sturm auf den Strand unterhalb des Stationsgebäudes.
1906 - Marconi’s Ingenieure warnen vor der Gefährdung der Station durch eine Erosion der Steilküste.
1908 - Die Station bekommt das Rufzeichen MCC für "Marconi" (Station) Cape Cod.
1911 - Neues Rufzeichen WCC weil der Landeskenner "W" allen Atlantik- und Golfstationen zugewiesen wird.
1917 - Die Regierung der Vereinigten Staaten schließt die Station während des Ersten Weltkriegs aus Sicherheitsgründen.
1920 - Die Station ist abmontiert, die Masten zerlegt, die Ausrüstung gerettet und die Häuser verlassen.
1953 - Die Wellfleet Historical Society weiht eine Broneplatte auf dem Original Gelände ein.
1961 - Das Gebiet wird vom National Park Service als Teil des Cape Cod National Seashore ernannt.
1963 - Ein Pavillon wird auf dem Stationsgelände errichtet und das Gebiet wird "Marconi Beach" genannt.
1974 - Ein Ausstellungsraum wird eingerichtet in dem ein Modell der Funkstation "Chatham Radio"/WCC und eine Bronzebüste von Marconi aufgestellt werden.

Anmerkung des Übersetzers: 
Am 08.06.1997 um 14.50 UTC empfing ich auf 16933 kHz folgende Note:
important notice to mariners =
pls note:
effective 30 jun 97, the call letters and frequencies of stations kph and wcc will be assigned to the facilities of globe wireless. after many years of continuous service from our qth at bolinas, marshall/point reyes, and chatham, the employees of kph and wcc wish you fair winds and bon voyage = de kph

Die gewaltigen Sende- und Empfangsmasten, der "knallende Sound" der alten rotierenden Funkenstrecke und die Begeisterung für drahtlose Kontakte mit vielen weit entfernten Hörern sind für immer in den Dünen von Wellfleet verklungen!

Passend zu diesem Bericht:

The last song of an unknown Radio Officer

We have tried all the systems, but none of them worked,
we have pushed all the buttons, but nothing was heard.
So, now I am standing way out on the deck
and sea water rising just up to my neck.
And there is no nay rescue, I am deep in distress
and the reason why is G M D S S
... and there is no nay rescue.....


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Version: 23-Feb-02 / RMa Rev.: 14-Aug-06 / 11-Jun-11 / HBu