Die Geschichte eines tropischen Wirbelsturms
von Peter Hewitson - Übersetzung: R. Marschner, DL9CM

In der Nacht zum Heiligen Abend, 1974, hatte ich Dienst auf der Küstenfunkstelle "Townsville Radio"/VIT. Von Mitternacht bis 0700 Uhr gab es nur einen Funker. Wir beobachteten in diesen Tagen 500 kHz, 2182, 4125 und 6215 kHz (A3J), das war reine Routine. Ich war 
Darwin Radio/VID, einige der Sender!
damit beschäftigt, die Telegramme für den Verkehr des kommenden Tages mit den Schiffen in Reichweite zu sortieren, unterbrochen vom Funkverkehr mit den übrigen Schiffen und dem Empfang von Wetterbeobachtungen der automatischen Wetterstationen. Zwischendurch hörte ich "Darwin Radio"/VID und "Thursday Island Radio"/VII die abwechselnd eine TTT-Hurrikan-Warnung aussendeten. Ich schenkte diesen Aussendungen jedoch keine größere Beachtung, denn das Gebiet war einige Tausend Kilometer entfernt. Um 0300 Uhr wurde ich aber plötzlich durch ein QSA5-Signal auf der Anruf- und Notfrequenz 6215 kHz aufgeschreckt: 
Mayday Mayday Mayday this is Mutual Enterprise over!
Für einen kurzen Augenblick dachte ich "besser Du wartest bis sich die nächste Küsten- funkstelle meldet", aber dann - nein, das Signal war so stark, wir mußten die nächste Station sein. Ich drückte auf den Sendeknopf und nahm das Mikrofon:
VIT - Mutual Enterprise this is Townsville Radio, Roger, what is your Position, over.
M.E. - My Position is Darwin Harbour there is a cyclone overhead. We need immediate assistance, over.
VIT Confirm Darwin Harbour?
M.E. Affirmative!
VIT Roger standby
"Warum antwortete VID nicht? Ich wunderte mich über diese Schlamperei!
VIT Darwin Radio Darwin Radio this is Townville Radio 6215 kHz, do you read?, over

Darwin Radio antwortete nicht, aber plötzlich wurde die Telexmaschine lebendig, es war "Darwin Radio". Ich wußte, daß der Kollege Laz Eliou auf Wache war. Die Telex-Maschine klapperte ihre grimmige Meldung herunter:
VIT de VID I can hear you working the "Mutual Enterprise" on 6215 kHz but we can´t answer. Cyclone Tracy is overhead and all our aerials are down. We are off the air!

Ich nahm das "rote" Telefon in die Hand, unsere Hauptleitung zum Marine- Operations-Zentrum in Canberra, und erklärte dem Stationsleiter die Situation. Er erwiderte, "Ja, wir haben gehört, daß es da ein wenig Wind gegeben hat!" Wir diskutierten was wir für die Mutual Enterprise tun könnten und kamen überein, daß es da nichts gab, denn kein Rettungsboot konnte in See gehen, solange der Hurrikan über ihnen tobte.

VIT Mutual Enterprise this is Townsville Radio, I am afraid there is nothing we can do until the cyclone passes. You will have to ride it out. Over.
M.E. Roger no worries, Mate, over and out!

Ich glaube er war nicht sehr enttäuscht, daß wir ihm nicht helfen konnten. Drei Jahre später, ich war inzwischen nach "Darwin Radio" versetzt worden, gingen wir Funker an Bord der "Mutual Enterprise", einem Trawler, der im Golf von Carpentaria operierte, aber es gab einen anderen Kapitän. Ich erzählte die Geschichte vom Heiligen Abend und wir gingen von Bord mit Kästen voller Krabben und einigen Kisten Bier.

Die Geschichte des schweren Sturms berichtet, daß die Stadt Darwin verwüstet und evakuiert werden mußte. "Darwin Radio" war für fünf Tage außer Betrieb. Das Motorschiff "Nyanda" kam an die Pier, nachdem es auf Reede den Sturm abgewettert hatte.

Die Verwüstung:
Der Leiter der Küstenfunkstelle "Darwin Radio", Bob Hooper, wachte am Morgen des Heiligen Abends auf und betrachtete die Zerstörungen in seiner Umgebung. Es regnete noch immer heftig, der Wind hatte sich jedoch gelegt. Er stieg in seinen Toyota mit Vierradantrieb und fuhr zur Station, ein Weg, normalerweise von zehn Minuten. Er brauchte dieses Mal 50 Minuten. Auf der Straße lagen umgefallene Bäume, Trümmer und Telegrafenmasten. In der Station befanden sich außer den Funkern mehr als 15 Personen aus einem angrenzenden Haus, das demoliert worden war. Ein Teil des Daches des Senderaumes war weggeflogen und es kam Regen hinein. Es gab keinen Netzstrom, der Generator lief jedoch. Telefon und Telex waren ausgefallen, die Stadt war komplett abgeschnitten. Der Rest Australiens, der verkatert erwachte an diesem Morgen, wußte nicht, daß Darwin sich in einer Notlage befand.
Bob ging hinaus und schaltete seinen Amateurfunksender ein. Zehn Minuten später hatte er Kontakt zu einem Amateur in Perth und bat ihn, das Hauptamt der Übersee-Telekommunikations-Behörde anzurufen um ihnen die Situation zu erklären. Einige Zeit später stellte "Sydney Radio"/VIS einen 40 kW-Sender und eine Rombus Antenne zur Verfügung, die in Darwin aufgestellt wurden.
Die Funker von "Darwin Radio" erhielten die Erlaubnis den Funkraum der "Nyanda" zu benutzen, sie verwendeten das Rufzeichen VID2 solange, bis ihre eigene Funkstation wieder in der Luft war. Generalmajor Allan Stretton, der für die Hilfe und Evakuierung zuständig war, errichtete ebenfalls sein Hauptquartier auf der "Nyanda".
Für die nächsten fünf Tage wurde der offizielle Verkehr für und von "Darwin Radio" von den VID-Funkern in CW von der "Nyanda" erledigt.
Der Amateurfunk spielte eine wichtige Rolle
Inzwischen zurückgekehrt nach VIT, empfing ich einen Telefonanruf eines Funkamateurs aus der Nähe, der Kontakt mit einem Amateur in Timika in Indonesien hatte. VID hatte eine private Sitor-Verbindung zu einem Bergwerk in Timika und da VID nicht in der Luft war, bat die Mine um eine CW-Verbindung mit VIT. Am nächsten Morgen konnten wir diese CW-Verbindung aufnehmen. Leider hatten wir keinen Lochstreifengeber an der Telex-Maschine und konnten keinen 5-Loch-Streifen herstellen um die Nachricht hinüber zu senden. Wir schrieben daher die Nachricht mit der Schreibmaschine auf und sendeten alles in CW hinüber. Offiziell war es und nur erlaubt, dringende Meldungen anzunehmen, aber es gab viele Telegramme mit mehr als 1000 Wörtern und sie waren ganz offensichtlich nicht dringend. Glücklicherweise war der Mann in Timika ein Amerikaner und ein exzellenter CW-Funker. Solange "Darwin Radio" nicht in der Luft war, übernahmen VIT und VII den Funkverkehr. Eingeschlossen war eine lange Liste von vermißten Personen und Schiffen, die wir täglich aussendeten.
Küstenfunkstelle 
"Townsville Radio"/VIT
Schnell wie eine Eidechse
In diesen Tagen war VIT eine sehr beschäftigte Funkstation. Wir hatten einen Dienstplan für sechs Operateure, fünf von ihnen machten täglich Überstunden, es gab aber nur einen, der an der Taste saß. Man mußte schnell wie eine Eidechse sein, um alles zu erledigen. Wir empfingen den Funkverkehr für die Mittelwelle über den Fernschreiber (benutzt wurde das australische TRESS-System) außerdem schrieben wir die verschlüsselten Wetternachrichten der automatisch sendenden Wetterstationen (AWS) auf.
Diese Wettermeldungen kamen zu bestimmten Zeiten und hatten Vorrang. Arbeitete man gerade mit einem Schiff, mußte der Funkverkehr unterbrochen werden, um diese AWS-Meldungen aufzunehmen.
Man mußte Zeit finden, den Streifen des Wetterbericht an CQ auf dem alten Klapperkasten zu stanzen. Dieser 5-Loch-Streifen wurde dann in den Hell-Geber eingeführt wo er in Morse umgesetzt wurde. Während der Streifen in CW in den Äther ging, hatte man Zeit den Verkehr über Telex zu erledigen, TRESS-Verkehr aufzunehmen, das Funktagebuch zu schreiben, oder sich schnell eine Tasse Kaffee einzuschenken.

War der Wetterbericht beendet, gab es viele Schiffe die auf 500 kHz riefen um ihre Telegramme abzuholen. Wir schickten sie alle auf 425 kHz und begannen mit ihnen zu arbeiten. Zwischendurch mußte man den Telexverkehr und die TRESS-Meldungen kontrollieren, auf die Wortzählung achten, und die Rufzeichen der Schiffe eintragen.

Outpost Radio

Dann gab es den Outpost-Radio-Verkehr. Dieser war ein Verkehr mit den Farmen im Inland und auf den vorgelagerten Inseln, der mit einer kleinen Station von 25 Watt durchgeführt wurde. Die Stationen übermittelten ihre Telegramme per Sprechfunk. Arbeitete man gerade auf der Mittelwelle wenn dieser Dienst begann, dann brach man den Verkehr mit den Schiffen ab und bat sie, später wieder zu kommen. Man schaltete auf die Outpost-Arbeitsfrequenzen und arbeitete den Verkehr in der Reihenfolge der Anrufe ab. Die Arbeitsweise mit diesen Stationen war im Gegensatz zum Verkehr mit den Schiffen sehr langsam, ja, man mußte sich direkt darauf einstellen um ihnen gefällig zu sein.
Die anderen australischen Funkstationen (außer Sydney Radio) waren bekannt als "outstations". Auf diesen Stationen war man CW- und Sprechfunker, Landfunker, Telefonist, Techniker - ein "Alleskönner".
Man hatte Rufzeichen, Namen von Kapitänen, Telefon-Nummern, Agenten und wer weiß was alles im Kopf, mit anderen Worten, man war eine wandelnde Enzyklopädie.
Zur Seefunk-Homepage
Version: 20-Mar-02 / RMa