Die Tragödie eines Schiffes - in Morsezeichen
Aus FUNK  1927, H.18 . S.144  - Gefunden von: Gerhard Stoye (DM3MD)

Der Untergang eines holländischen Dampfers während des Krieges in der Nordsee
Wer jemals ein Schiffsunglück „drahtlos" erlebte, dem bleibt dieser Eindruck unvergeßlich, trotz der Entfernung von einigen hundert Kilometern.
So entsann ich mich... eines drahtlosen Hilferufes, den ich während des Krieges zu verfolgen Gelegenheit hatte. Es war ein holländisches Schiff, das im südlichen Zipfel der Nordsee auf eine Mine gelaufen war, und es führte das Rufzeichen PET.
Es war in der Nacht zwischen 2 und 3 Uhr, als plötzlich ein SOS-Zeichen uns aufhorchen ließ. Es kam von dem Dampfer PET:  SOS SOS SOS  DE PET - PET OP MINE GELOOPEN – POSITION 51.46N, 2.45E – SOS SOS SOS 
Mit einem Schlage schwieg der bis dahin lebhafte Schiffsverkehr in der Nordsee und tauchte sofort wieder auf, aber mit anderen Zeichen, als redete er in einer anderen Sprache. Von allen Seiten melden sich Küstenfunkstellen, die den aufgefangenen Hilferuf drahtlos weitergeben.  Da kommt GLD (Cap Lands-End), dann GNI (Niton), dann BYL (Dover), dann GCC (Cullercoats), dann FFU [Ouessant), und endlos ist die Reihe der Sender: lGN (Bergen) meldet sich; dann wird es auch im Süden lebendig: da kommt BYW (Gibraltar), dann SN (Malta), dann die spanischen Stationen EAC (Cadiz), und EAO (Soller).  Alle wiederholen unablässig den Hilferuf des beschädigten Schiffes, um von allen möglichen Seiten Hilfe herbeizurufen. Von überall her klingt es in allen möglichen Tonarten. So hat sich im Augenblick ein riesiger Funkbetrieb entwickelt.
Die Funkleitung übernimmt selbstverständlich die wichtigste holländische Küstentunkstelle, nämlich PCH (Scheveningen-Haven), die ebenfalls wiederholt  SOS SOS SOS – PET NEAR NORTH HINDER SINKING – SOS SOS SOS.
Der Verkehr ist so stark geworden, daß man nur noch Bruchstücke von Funksprüchen aufzunehmen vermag. Hier ruft lGN : ,,PSE (please) LISTEN FOR THE PET – PET NEAR NORTH HINDER SINKING – CQ DE IGN.
Ein anderer funkt dazwischen: „ ... PET ASKS SOS NEAR NORTH HINDER ...“
Inzwischen hat ein norwegisches Schiff (LFB), das sich in der Nähe der Unfallstelle befindet, den Hilferuf gehört und meldet sich ebenfalls.
Dann läßt sich wieder PET selbst vernehmen und teilt mit; „HIER ALLE RUITEN IGESLAGEN“ er Bordfunker hat aber trotzdem seine gute Laune nicht verloren und fügt hinzu; „ROOK VEEL CIGARETTEN OM KALM TE BLYVEN“. Dann ruft er wieder: „SOS SOS SOS   DE PET – ANY SHIP AROUND?“ 
Und schon meldet sich LFB und teilt mit: ,,WE ARE NEAR NORTH HINDER“.
Mittlerweile ist es vier Uhr morgens geworden. Küstenstationen wiederholen noch unentwegt den Notruf,
Scheveningen hat inzwischen Hilfeleistung durch ein holländisches Schiff angefordert; die „Banka" (PHI) hat den Auftrag erhalten, nach dem beschädigten Schiff zu suchen. PCH teilt ihm nochmals den Schiffsort mit, und schon meldet sich PHI : „COME FULL SPEED“.
PET ruft inzwischen immer noch und fügt hinzu; ,,IK MOET TOCH WETEN, OF ER HULP KOMT“ Schon antwortet ihm PHI  daß es bereits unterwegs ist. Dann wird es ruhiger. Offenbar sind bereits mehrere vorbeifahrende Schiffe bei der Unfallstelle angelangt.  Dann plötzlich atmet man befreit auf, als man Bruchstücke aus einem Funkspruch hört, der mit den Worten endet „. , . PASSENGERS IN BOATS ALL READY“. Bald darauf hört man auch unmittelbar von dem beschädigten Schiff, daß nunmehr alle Fahrgäste in den Booten sind, und daß sich außer dem Kapitän nur noch der Funker an Bord befindet.  Der hat offenbar seine Kaltblütigkeit nicht verloren; wahrscheinlich haben ihm die Zigaretten gut getan. So setzt er noch eine Reihe von Telegrammen an PCH ab, die einzelne Passagiere an ihre Angehörigen gerichtet haben.
Es ist 6.25 Uhr morgens. Wieder ist ein Telegramm zu Ende und der Funker gibt nun hinter dem Schlußzeichen noch das Zeichen SK, d.h. „aufgearbeitet".
Schon nach einer halben Minute ruft er aber wieder PCH an und gibt noch eine Nachricht für seine Schiffahrtsgesellschaft durch.  Es ist 6.30 Uhr.  Und wieder nach einer halben Minute kommt er noch einmal; man merkt förmlich, wie schwer es den beiden wird, ihr geliebtes Schiff zu verlassen. Noch eine Nachricht setzt er ab; dann fügt er aber gleich hinzu, daß der Kapitän und er nunmehr das Schiff verlassen müssen; er schließt mit ,,...NUSK NUSK“. 
Dann wird es ruhig. Das letzte Schlußzeichen hörten wir um 6.35 Uhr morgens. Ich sah im Geiste den Kapitän und den Bordfunker in das letzte Boot hinabsteigen und das stolze Schiff im Wasser versinken,
Es war eine schreckliche Nacht, Und es war erschütternd, das Sinken des Schiffes mitzuerleben, ohne helfen zu können; befreiend war nur der Gedanke, daß am Ende alle gerettet wurden, und ein kleiner Stolz war dabei: daß die Technik, der man selbst diente, diese Rettung ermöglicht. 
F. Hartherz.
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Version: 05-Jan-02 / Rev.: 07-Jul-08 / HBu