Paniksituationen
Michael Cross erinnert sich an den Tag, als er seine Hose in die Takelung hißte.
Aus "New Scientist" Nr. 2173, Ausgabe 13. Februar 1999 - Übesetzung: Rolf Marschner, DL9CM

Wir Seeleute sind ein konservatives Volk, besonders wenn es zu Notfällen kommt. Hinsichtlich meines "Nautischen Almanachs" können wir noch immer Notfälle melden, indem wir ein Teerfaß anzünden oder die Schiffsflagge verkehrt herum wehen lassen.
Keine dieser Methoden wird jedoch in der Praxis von den Wochenend-Seglern angewandt. Würde ich ein Faß Teer nehmen, ich wäre mir nicht sicher, es überhaupt zum Brennen zu bringen. Und wenn die Küstenwache immer dann einen Seenotfall erklären würde, wenn sie eine umgekehrt gehißte Flagge sieht, die Rettungsboote würden in jedem Sommer nicht einen Tag ruhig im Hafen liegen. Aber es ist gut zu wissen, daß man diese Möglichkeiten hat wenn es hart auf hart kommt.
So begrüßen wir gleichzeitig mit Traurigkeit und Begeisterung die Ankunft des äußerst bequemen Notverfahrens, dem "Global Maritime Distress and Safety System", GMDSS. Mit Beginn dieses Monats werden GMDSS-Ausrüstungen, die einen vorprogrammierten Strom von Daten, durch Drücken eines Knopfes, an ein globales Satellitennetzwerk senden, rechtlich auf allen Handelsschiffen vorgeschrieben.
Die Regale der Schiffshändler ächzen unter leichtgewichtigen Geräten für Yachten, auf denen bereits alles vorhanden ist. Es ist ein Teil des Vordringens von Weltraumtechnologie in unser Leben. Was die Technik angeht, bin ich ein vollkommener Dummkopf. Ich habe zwar Satellitenfernsehen und einige Sat-Navigationsanlagen, habe dabei auch schon einmal im Stillen einen Katalog über Iridium, das weltweite Telefonsystem bewundert.
Eine Satelliten-Seenotbake steht auf der Wunschliste meines nächsten Geburtstags. Überall hört man von Fehlbedienungen dieses Systems. Ihre globale Reichweite und Annehmlichkeit ermuntern uns, alles andere außer Acht zu lassen. Den Morsecode der erstaunlicherweise bis 1997 als letztes Hilfsmittel überlebte, haben wir bereits abgeschafft. Sein rythmisches und international anerkanntes Notsignal SOS besteht bereits seit 1906, seitdem es das weniger bekannte aber denkwürdige CQD "All Stations: distress" ("Alle Stationen Achtung: Notfall") - oder in der Mythologie, "Come quickly, danger" ("Kommt schnell, Gefahr") verdrängte.
Jack Phllips, der Funker der "Titanic" war der erste der das neue Notzeichen SOS sendete, er ging mit seinem Schiff unter. Die Telegrafie wurde größtenteils durch die Telefonie ersetzt. Hier benutzt man das Wort "Mayday" als Notsignal, erinnernd an das französische Wort M´aidez.
Maday, noch angewandt, wird nun durch einen Strom raumdurchdringender digitaler Daten ersetzt. Die diskrete Technologie des 21. Jahrhunderts hat bereits Leben gerettet und wird noch viele retten. Aber ich wundere mich, über vieles, was verloren ging. Keiner der jemals ein Notsignal gehört hat, vergißt es. Keiner der eines gesendet hat ebenfalls. Ich mußte es zweimal tun. Das erste Mal waren es die nicht amtlichen Hosen die ich in die Takelage einer gestrandeten hölzernen Yacht gehißt hatte, die über keinen Funk, geschweige denn über eine Satellitenanlage an Bord verfügte, sie waren aus glänzendem roten Nylon und erfüllten ihren Zweck. Ein vorbeikommendes Motorboot schleppte uns klar, und, für eine Fünfpfundnote in die nächste Kneipe. 
Die zweite Gelegenheit hatte einen fast schon lächerlichen Grund, einen Maschinenbrand während einer nächtlichen Einhand-Fahrt in den Hebriden. Die See war ruhig und ich hatte eine Rettungsinsel, sollte das Boot untergehen, würde ich überleben, aber meine Angst war echt. Ich sendete einen Notruf auf UKW der allen die ihn hörten Funkstille und die Pflicht zur Hilfe auferlegte. Diese Prozedur wiederholte ich mehrere Male, führte ein Mischmasch aus "Phillips auf der Titanic" und "Apollo 13 Astronaut" aus, der wortkarg die Explosion im Weltraumfahrzeug  als "Unterspannung auf Kreis B" an die Bodenstation beschrieb. Während eines echten Notfalls ist alles anders, meine Stimme erklang zwei Oktaven höher und ich vergaß meine Länge und Breite. Glücklicherweise hörte mich die Küstenwache alarmierte ein Rettungsboot und dirigierte ein Fischerboot um mich zur Isle of Mull zu schleppen. Der Skipper weigerte sich, die Bezahlung anzunehmen. 
Am nächsten Tag rief ich die Rettungsstelle an, um mich, für das Auslaufen mitten in der Nacht um einem Fremden zu helfen, bei den freiwilligen Helfern zu bedanken. Nur einer der Besatzung war da und sortierte einiges Zubehör. Ich machte mich auf eine Standpauke über seemännisches Verhalten gefaßt, aber er sagte nur: "Ach, macht nichts."
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