Drahtlose Telegrafie mit gedämpften Wellen (II)
von Hans-Joachim Ellissen

Dieser Artikel ist im "Archiv für deutsche Postgeschichte" Heft  2/1993 erschienen.
Abdruck auf der Homepage "Seefunk & Seeschiffahrt" mit freundl. Genehmigung der
Witwe des Verfassers Hans-Joachim Ellissen
und der
Deutschen Gesellschaft für Post- und Telekommunikationsgeschichte e.V.
Zentrale Geschäftsstelle, Schaumainkai 53, 60596 Frankfurt am Main
Teil 2
Slaby - Braun - AEG - Siemens - Telefunken - Hörempfang
Slaby folgt in Deutschland
Die Artikel über die neue »drahtlose Telegrafie« in Fachblättern sowie in der allgemeinen Presse bewirkten, dass sich besonders in England, Deutschland und Frankreich Wissenschaftler und Techniker damit beschäftigten. Wegen des Fehlens von Messgeräten und vor allem der theoretischen Grundlagen gab es keine richtige Vorstellung z. B. über die Wirkung von Antenne und Erde, über die Länge der erzeugten und verwendeten Wellen. Gedankenexperimente waren daher unmöglich, es konnte nur probiert werden. Marconis Schaltung wurde nachgebaut, Bauteile wurden umkonstruiert, Antennen an Drachen und Fesselballone gehängt oder vieldrähtig zwischen Masten oder Schornsteinen, Fritter der verschiedensten Formen und Füllungen ausprobiert, neue Schaltungen vorgeschlagen und Patente angemeldet. Hauptbestreben war, die Reichweite der Anlagen zu erhöhen, ihre Abstimmfähigkeit zu verbessern, um möglichst mehrere Stationen gleichzeitig zu betreiben und die Wirkungen atmosphärischer Störungen zu vermindern. Es entbrannten Prioritätsstreite und Konkurrenzkämpfe, besonders, als sich von etwa 1900 an die Industrie einschaltete und Schiffs-, Küsten- und Militärstationen fertigte.
In Deutschland machte Prof. A. Slaby, der bei Marconis Erfolgen am Bristolkanal anwesend war, noch 1897 mit Unterstützung des Kaisers bei Berlin eigene Versuche. Seine bis zu 300 m langen Antennen hingen an Fesselballonen einer Heeres-Luftschifferabteilung, überbrückt wurden 21 km, 1898 sogar 60 km.
Wie Marconi arbeitete Slaby bei seinen ersten Anlagen noch ausschließlich mit dem offenen Schwingungskreis (Funkenstrecke direkt in der Antenne), dessen leistungsbestimmende Kapazität von Antenne und Erde gebildet wird. Die Wellenlänge betrug etwa 4 x Antennenhöhe, bei 300 m langen Drähten also rund 1 200 m (Langwelle), entsprechend 250 kHz. Die Amplituden der HF-Schwingungen der einzelnen Wellenzüge klangen nach etwa 8 Schwingungen auf Null ab (Größenordnung). Bei 50 Funken je Sekunde und etwa 1/30 000 Sekunde Daür der einzelnen Schwingungszüge sind die Pausen dazwischen rund 600mal länger als diese selbst - eine äußerst schlechte Energiebilanz. Die Funkenfolge ließ sich bei den offenen und z.T. mehrere Zentimeter langen Funkenstrecken kaum erhöhen, da dann der Funke infolge des aufgeheizten, elektrisch leitenden (ionisierten) Entladungskanals in einen Lichtbogen überging, der ein Aufladen des leistungsbestimmenden Kondensators (hier Antenne-Erde) nicht mehr erlaubte. Ein Erhöhen der Sendeleistung durch Steigern der Funkenspannung über 50 ... 100 kV entfiel aus Isolationsgründen, so dass die über die Zeit gemittelte Hochfrequenzleistung der ersten Marconi- und Slaby-Sender mit 10...20 Watt sehr bescheiden anmutet. Die Energie der jeweils ersten Halbschwingungen der kurzen und abklingenden Wellenzüge bei jeder Funkenentladung betrug dabei jedoch überschlägig 25 kW, was für das Ansprechen der Fritter im Empfänger günstig war.
Slaby entwickelte dann mit seinem Assistenten Graf Arco verschiedene Senderschaltungen, um vor allem den Funkbetrieb auf Kriegsschiffen zu ermöglichen bzw. zu verbessern. Bereits ab 1899 wurden seine inzwischen von der AEG gefertigten Funkanlagen (Einzelstücke) mit noch direkt zwischen Antenne und Erde geschalteten Fritter-Empfängern an Bord von Kriegsschiffen erprobt und bei 30 m langen Antennendrähten Reichweiten bis zu 48 km erzielt. Slaby setzte allerdings wie Braun Kondensatoren zur Leistungserhöhung der Sender ein. Graf Arco erfand ein Verfahren, um die einzelnen Sender der Stationen mit einem Wellenanzeiger (veränderbare Abstimmspule, Funkenmikrometer) auf die gleiche Frequenz abzustimmen (Grenzwelle, Mittelwelle). In seinen Empfängern nutzte Slaby dann ab 1900 die Resonanz eines als Spule gewickelten Drahtes von 1/4 Wellenlänge aus. Am Ende dieser an die Antenne geschalteten, »Multiplikator« genannten Resonanzspule entstand für die empfangene gedämpfte Welle ein Spannungsbauch, so dass der Fritter besser ansprach. Für den damals angestrebten Mehrfachempfang gelang es sogar, mit Multiplikator-Empfängern an einer einzigen Antenne zwei auf verschiedenen Wellen arbeitende Sendestationen gleichzeitig aufzunehmen (240 m u. 640 m Wellenlänge). Multiplikatoren waren jedoch nur kurze Zeit in Gebrauch. 
Slaby/Arco benutzten dann (wie auch Marconi) die Resonanz- Überhöhung von leichter abstimmbaren Parallel- Schwingkreisen. Senderseitig verwendeten sie ab etwa 1900 abstimmbare Spulen (Abgriffe) und je nach Antennenlänge im Funkenkreis Leydener Flaschen von 3, 7 oder 14 nF Kapazität. Charakteristisch für die Slaby-Arco-Sender waren die zylindrischen Behälter für die Leydener Flaschen (Flaschengehäuse) und die darübergesetzte, mit Papp- oder Mikanitzylindern geräuschgedämpfte, senkrechte Funkenstrecke aus Messingstäben. Die verschiedenen Ausführungsgrößen der von der AEG vor allem für die kaiserliche Marine gefertigten Flaschensender überbrückten je nach aufgenommener Leistung und Antennenhöhe unterschiedliche Reichweiten. 1901 gelang es z. B., 150 km zwischen dem Schnelldampfer Deutschland der HAPAG und der Hafenstation Duhnen (Cuxhaven) bei nur 32 m Masthöhe einwandfrei mit Frittern und Morseschreibern zu überbrücken. Obgleich die HAPAG anscheinend noch auf weiteren Atlantik-Passagierdampfern Slaby/Arco-Anlagen erprobte, wurden diese 1902/03 wieder aufgegeben und 5 Schiffe mit von Marconi-Funkern bedienten Marconi-Anlagen ausgerüstet. Der Einsatz von Slaby/Arco-Anlagen bei der Marine nahm jedoch stetig zu. Anfang 1902 waren bereits etwa 30 Kriegsschiffe ausgerüstet, desgleichen entstanden an der Nordsee- und der Ostseeküste weitere Marine-Stationen.
Hiervon hatte auch die Handelsschifffahrt Nutzen, denn diese von der Marine betriebenen Stationen wurden z.T. auch von den am Ort befindlichen See-Telegrafenanstalten für den öffentlichen Telegrammverkehr mit Schiffen eingesetzt: Ab 5. September 1902 die Leuchttürme Bülk (Kieler Bucht), Marienleuchte (Fehmarn), Arkona (Rügen) und Rixhöft (Danziger Bucht), und ab 4. Februar 1903 Cuxhaven und Helgoland. Es ist anzunehmen, dass alle Marine-Küstenstationen wie Cuxhaven einheitlich mit 3-kW Slaby/Arco-Knallfunkensendern ausgerüstet waren (300-1700 m Wellenlänge). Für den Einsatz mit Handelsschiffen arbeiteten sie auf der Wellenlänge 365 m (ab 26. September 1906 auf 350 m ± 30 m, vermutlich um die Einstell- und Betriebstoleranzen der Sender abzudecken). Die Reichweite (FritterSchreibempfang) betrug bei Schiffen mit 30 m hohen Masten 120 km bei normaler Witterung.
Braun verbessert 1898 den Sender
Ein Jahr nach Marconis Versuchen am Bristolkanal benutzte Prof. F. Braun für die hochfrequente Energieerzeugung einen Schwingungskreis mit Leydener Flasche, Funkenstrecke und Spule. An diesen Kreis wurde die Antenne galvanisch oder induktiv angekoppelt (Patent vom Oktober 1898). Infolge der vielfach höheren Kapazität des Kondensators im Primärkreis gegenüber der Antennen-Erde-Kapazität des Marconisenders ergab sich darin bei gleicher Funkenfolge und -Spannung eine erheblich höhere HF-Energie als bei den ersten Marconi- und Slaby-Sendern. Wegen des Fehlens der dämpfenden Funkenstrecke im Antennenkreis klangen die gedämpften Wellenzüge des Braunschen gekoppelten Senders auch nur etwa halb so langsam ab, wirkten also länger auf den Empfänger ein, der bei Braun mit abgestimmtem Antennenkreis arbeitete. Vorteilhaft war außerdem, dass die Antenne frei war von der hohen Spannung der Funkenstrecke und sich dadurch die Antennenisolation erheblich vereinfachte. 

Prinzip-Schaltbild einer Funkstation nach dem System Prof. Braun
(Um 1900)
Die von Siemens gefertigten Anlagen nach Braun überbrückten z. B. 1900 mit nur 30 m hohen Antennen 63 km auf der Telegrafenlinie Cuxhaven - Helgoland und 1902 zwischen Rügen und Köslin 165 km mit 75 m hohen Mehrdrahtantennen.
Nachteilig beim Braunschen Sender war, dass er je nach Stärke der Kopplung zwischen dem primären Erregerkreis und dem Antennenkreis gleichzeitig zwei je nach Kopplungsgrad mehr oder weniger in der Frequenz unterschiedene Wellen abstrahlte. Dies ist eine grundsätzliche Erscheinung bei gekoppelten elektrischen Schwingkreisen, selbst wenn jeder Kreis für sich auf die gleiche Frequenz abgestimmt wird. In der Praxis bedeutete eine feste Kopplung von Antennen und Primärkreis eine gute Energieübertragung zwischen beiden. Es entstanden jedoch zwei relativ weit voneinander entfernte Sendefrequenzen, z. B. 350 und 400 kHz, wenn beide Kreise auf 375 kHz abgestimmt waren. Da eine der Frequenzen für den Empfang nutzlos war und u.U. den Betrieb anderer Sender störte, verringerte man die Kopplung, bis die beiden Frequenzen sehr nahe beieinander lagen. Trotz des dann schlechteren Wirkungsgrades betrug die abgestrahlte Leistung der Wellenzüge noch ein Vielfaches der Sender mit Funkenstrecken direkt in der Antenne. Gegenüber letzteren verringerte sich auch die belegte Bandbreite, so dass der Betrieb mehrerer Sender im gleichen Wellenbereich leichter möglich war. Als Funkenstrecken dienten hauptsächlich pilz- und ringförmige Elektroden (z. B. aus Zink), zwischen denen die oft zentimeterlangen Funken im Rhythmus der Morsezeichen laut knallend überschlugen. Diese Knallfunkensender bestimmten die Sendertechnik der Jahre 1897 bis etwa 1908.
Prof. Braun (Physikalisches Institut Straßburg) konnte wie Prof. Slaby (T.H. Berlin-Charlottenburg) zwar seine grundlegenden Versuche im Rahmen der Institutsaufgaben durchfuhren, nicht jedoch den Bau von Funkanlagen für den praktischen Einsatz. Im Gegensatz zu Slaby, dessen Funksysteme schon frühzeitig von der AEG übernommen wurden, gründete Braun kurzlebige eigene Firmen mit Gesellschaften, ehe 1901 in Berlin die Braun-Siemens-Gesellschaft entstand.
Die Bedeutung des Braunschen gekoppelten Senders für die Entwicklung der Funkentechnik war ausserordentlich gross. Um es zeitlich vorwegzunehmen: 1909 erhielt Braun zusammen mit Marconi den Nobelpreis für Physik.

Braun-Siemens plus AEG-Slaby-Arco = Telefunken
Wie bereits erwähnt, benutzten Marconi und Slaby ab 1899 wie Braun Kondensatoren und Spulen in ihren Sendern, um Leistung und Dauer der gedämpften Wellenzüge zu steigern, und um ohne Ändern der Antenne verschiedene Wellenlängen einstellen zu können. Der deswegen heftige Patentstreit zwischen Braun-Siemens und AEG-Slaby-Arco wurde 1903 mit dem Zusammenschluß der beiden Gruppen zur Gesellschaft für drahtlose Telegraphie mit der Kurzbezeichnung Telefunken beendet. Die Leitung der Firma mit zu Anfang 33 Mitarbeitern übernahm Slabys Assistent Graf Arco. Slaby-Arco brachten dabei ihre Erfahrungen mit den an die Marine gelieferten Funkstationen ein, die Braungruppe das mit ihren fahrbaren Heeres-Stationen gesammelte Wissen. Dazu kam noch der Wellenmesser von Franke-Dönitz, der erstmalig ermöglichte, die Dämpfungsverhältnisse von Schwingkreisen zu ermitteln und Funkanlagen und Antennen ohne das vorher mühsame Probieren aufeinander abzustimmen.
Die Marconi Co. hatte inzwischen ihre Monopolstellung weiter ausgebaut. Sie rüstete die britische Flotte sowie deren weltweite Landstützpunkte mit immer mehr Funkgeräten aus, vermietete durch ihre Betriebsgesellschaft Funkanlagen mit Funkern und gründete im Ausland finanzkräftige Tochtergesellschaften. Sie versuchte jedoch nicht nur mit der betrieblichen Ablehnung des Verkehrs mit anderen Funksystemen eine Monopolstellung zu erreichen, sondern ging auch frühzeitig mit patentrechtlichen Schritten gegen andere Funkfirmen vor, z.B. aufgrund des Patents Nr. 7777 von 1900. Die auch gegen Telefunken und die Vorgesellschaften angestrengten Verletzungsklagen scheiterten jedoch am älteren Braunpatent des gekoppelten Senders, das seit 1899 auch in England geschätzt war.
Aufbauend auf den schaltungstechnischen und konstruktiven Einzelheiten der Braun- und Slaby-Arco-Geräte entwickelte Telefunken neue, verbesserte Funkanlagen für die verschiedenen Leistungsklassen der Land- und Schiffsstationen sowie der fahrbaren Militärstationen. In Versuchsanlagen wurde die Bemessung neuer Bauteile erprobt, wie z.B. die Serienfunkenstrecken nach Braun-Rendahl, in der je nach Sendeleistung 3, 6 und mehr (20?) nur 5 ... 0,5 mm kurze Funkenstrecken hintereinander geschaltet waren. Die Summenfunkenverluste verringerten sich dabei gegenüber einer entsprechend langen Einzelfunkenstrecke, so dass man mit den dadurch möglichen höheren Betriebsspannungen und Funkenfolgen größere Reichweiten erzielte. Die von Telefunken 1905/06 für die holländische Küstenstation Scheveningen gelieferte Funkanlage größerer Leistung (3 kW?) war mit einer gebläsegekühlten Serienfunkenstrecke bestückt.
Der Vertrieb von Funkanlagen für die zivilen Schiffs- und Küstenstationen kam als Folge des Marconimonopols nur äußerst schleppend in Gang, auch in Deutschland. Im März 1905 wurde der Vertrag mit dem NDL für die veralteten und unabgestimmt im GW-Bereich arbeitenden Marconi-Anlagen auf Borkum Leuchtturm und Borkum Riff Feuerschiff kurzfristig aufgrund einer ministeriellen Anweisung aufgehoben. Telefunken baute als Ersatz auf 365 m Wellenlänge abgestimmte Knallfunkensender mit größerer Reichweite ein (175 km bzw. 100 km). Inbetriebnahme: 11. Mai 1905. Wegen der mehr als doppelt so großen neuen Reichweite von Borkum Leuchtturm verfügte das Reichs-Postamt die Umwandlung der Station Borkum Riff Feuerschiff ab 1. August 1905 in eine Funktelegrafenstation für beschränkt öffentlichen Verkehr (schiffsdienstliche Telegramme, Privattelegramme der Besatzung, mit Flaggensignalen übermittelte Telegramme vorbeifahrender Schiffe und Funkverkehr in Seenotfällen). Gegenstelle war Borkum Leuchtturm. 
Bereits im Sommer 1904 hatte die Post- und Telegrafenverwaltung mit Planungen einer Küstenfunkstelle großer Reichweite auf Borkum begonnen (1 000 km). Aufgrund strategischer Bedenken der Marine gegen diesen Standort erwarb das Postamt Norden am 15. August 1905 ein sumpfiges Gelände mit daher guten HF-Erdungseigenschaften auf dem Festland bei Norddeich. Die Firma Telefunken bekam den Auftrag für zwei Sende- und Empfangsanlagen einschließlich der Antennen und Stromversorgung. Im November 1905 lieferte Telefunken den kleineren Sender als technische Einheit für die 360-m-Welle (ab Juli 1908 600 m) für eine Reichweite von 450 km. Der große LW 10 kW Knallfunkensender wurde im Hochspannungsraum des neu errichteten zweistöckigen Stationshauses aus Einzelteilgruppen zusammengebaut und verdrahtet. 360 große Leydener Flaschen und 18 kleinere, eine Tellerfunkenstrecke von etwa 50 cm Durchmesser und 3,5 cm Funkenlänge, weiter Primärkreis- und Antennen-Abstimmspulen aus Kupferrohr. Dazu kamen 4 Hochspannungs-Transformatoren 220 V/60 kV, die von zwei Benzinaggregaten mit Wechselstrom versorgt wurden. Schaltung und Bauteilbemessung entsprachen höchstwahrscheinlich dem 10-kW-Langwellensender der etwa zur gleichen Zeit errichteten Telefunken-Versuchsstation Nauen bei Berlin mit der stromsparenden Resonanz-Schaltung im Primärkreis der Hochspannungstransformatoren. Die dort eingeschalteten NF-Drosseln waren so bemessen, dass der Wechselstromkreis aus Generatorausgang und Primärwicklung mit der 50 Hz-Generatorfrequenz - oder bei sog. »langsamen Funken« mit Teilen davon - in Resonanz kam (Funkenfolge 1907 in Norddeich 15/s, 1908 auf etwa 30/s und 50/s erhöht). Als Antenne diente ab April 1906 eine Trichterantenne aus vier Fächern zu je 4 x 50 Bronzelitzen, die vom Stationshaus zu den Dachseilen zwischen vier im Quadrat mit 65-m Seitenlänge aufgestellten 65-m-Stahlgittermasten hochgeführt waren. Da diese Antenne nicht die geforderte Reichweite hatte - der Einfluss der geerdeten Gittermasten war unterschätzt worden - , wurden diese durch Aufsätze um 10 m und die Außen-Holzmasten auf 35 m erhöht. Nach der Inbetriebnahme am 1. Juni 1907 war Norddeich mit Tagesreichweiten mit der 2 000-m-Welle von 1 200 km bei Schreibempfang und 1 600 km bei Hörempfang (nachts 1 500 km bzw. über 1 700 km) weltweit eine der größten Küstenfunkstellen. Der kleinere Mittelwellensender erzielte mit der zwischen den 65 m Masten diagonal verspannten T-Antenne Reichweiten bis zu 500 km.
Norddeich arbeitete anfangs hauptsächlich mit Schiffen der Reichsmarine. Der Telegrammverkehr für die Handelsschiffahrt war wegen der wenigen nicht mit Marconianlagen ausgerüsteten Schiffe nur gering (z. B. deutsche Schiffe: 4 NDL, 6 HAPAG, 6 HSAL, 3 Kiel-Korsör-Linie, 1 Blumenfeld Hamburg). Der Betrieb im öffentlichen Seefunk nahm erst zu, als nach Inkrafttreten des internationalen Berliner Funkvertrages von 1906 am 1. Juli 1908 zumindest für den Funkverkehr Schiff - Küstenfunkstelle die systembedingten Einschränkungen wegfielen. Englische und italienische Schiffe lehnten jedoch nach wie vor den Telegrammaustausch mit nicht mit Marconianlagen ausgerüsteten Schiffen ab. Für deutsche Schiffe änderte sich dies ab 1911 mit der Gründung der Deutschen Betriebsgesellschaft für drahtlose Telegraphie (DEBEG), in der auch die Engländer mit vertreten waren. Mit dem internationalen Funkvertrag von London 1912 (Inkrafttreten 1. Juli 1913) entfielen alle systembedingten Einschränkungen im Seefunk.
Nicht nur wegen des Wegfalls der Einschränkungen Schiff - Küstenfunkstelle begann 1908 bei Telefunken der Aufschwung mit Lieferungen von Funkeinrichtungen für Schiffe, sondern vor allem wegen des Ersatzes des Braunschen Knallfunkenverfahrens durch die Löschfunkentechnik. Allerdings musste hierfür erst einmal der Hörempfang den Schreibverkehr verdrängen.

Vom Morseschreiber zum Hörempfang
Die ersten Jahre der Funkentelegrafie waren durch die Knallfunkentechnik der Sender gekennzeichnet. Weiter bestimmten die unberechenbar arbeitenden Körnerfritter in ihren vielfältigen Ausführungsformen den Empfängerbau. Im Ausland - besonders in den USA ging man daher ab etwa 1900 auf Hörempfang mit Kopfhörer über, der auch das schwierige Einstellen der von Frittern gesteuerten polarisierten Relais überflüssig machte. Außerdem wurde bei gleicher Senderleistung die Reichweite z.T. mehr als verdoppelt. Um es vorwegzunehmen: In Deutschland war der Übergang zum Hörempfang eine langwierige Angelegenheit. Sowohl die Post als auch die kaiserliche Marine und das Heer bestanden wie in der Drahttelegrafie auf dem vom Morseschreiber gelieferten Streifen als Dokument. Erst nach Einführung des Löschfunkensystems mit den im Kopfhörer sehr gut lesbaren tonfrequenten Morsezeichen ging 1908/09 die Marine zum Hörempfang über, etwa vier Jahre nach der Handelsmarine.
Doch um vom Fritter mit Morseschreiber zum Hörempfang zu kommen, mussten erst Bauelemente gefunden werden, die die empfangenen gedämpften HF-Schwingungen in hörbare Zeichen umformten. Zu Anfang waren dies vor allem unvollkommene Kontakte, die beim Durchgang von HF ihren Widerstand unregelmäßig änderten und ebenfalls als Fritter bzw. Kohärer bezeichnet wurden. Man schaltete sie in einen Stromkreis aus Trockenelement und Fernhörer, in dem dann die Widerstandsschwankungen während der empfangenen Wellenzüge hörbar waren. Popow setzte einen derartigen Hörfritter bereits 1899/1900 ein (Glasröhrchen mit einer Füllung aus zerstoßenen gehärteten Stahlkügelchen zwischen Platin-Elektroden). Weiter arbeiteten Solari und Tommasina bei den Empfängern der italienischen Marine und Marconi bei der ersten Atlantiküberbrückung 1901 mit Quecksilberkügelchen zwischen Kohle- und Eisenelektroden. Etwa zur gleichen Zeit konstruierte Köpsel (Braun-Siemens) einen elektrisch sehr empfindlichen Mikrophonfritter, bei dem eine harte Graphitspitze gegen ein federnd befestigtes poliertes Stahlplättchen drückte, eingesetzt z.B. neben dem Köpselschen Stahlkohärer für Schreibempfang bei den Helgolandversuchen 1901 (Braun, Zenneck, Köpsel) und bei den Versuchen auf Rügen 1902/03 (Eichhorn).
In den USA benutzte Prof. Fessenden die Widerstandsänderungen eines nur 0,0015 mm starken und 0,4 mm langen Platindrähtchens bei Erwärmung durch HF zum Hörbarmachen. Marconi setzte nach Vorarbeiten von Rutherford 1896 ab 1902 Hörempfang mit magnetischen Detektoren ein. Bei der ersten Ausführung drehte sich ein Hufeisenmagnet über einem kleinen Transformator mit offenem Eisendrahtkern. Antenne und Erde waren direkt an die Primärspule angeschlossen, der Hörer an die Sekundärspule. Sobald Wellenzüge HF-Spannungen in der Antenne induzierten, wurde im Hörer eine Knackfolge mit der Frequenz der Funkenfolge des Senders hörbar. Noch 1902 entwickelte Marconi einen verbesserten magnetischen Detektor mit umlaufendem Eisenlitzendraht und Abstimmspule bzw. Anschluss an einen Schwingkreis. Uhrwerke zogen den Draht als endlose Schleife durch ein Glasröhrchen zwischen zwei Hufeisenmagneten, das primär mit etwa 45 Windungen Kupferdraht bewickelt war. An die 140-Ohm-Sekundärwicklung wurde der Kopfhörer angeschlossen. Der erste Magnet magnetisierte das Seilchen, vom zweiten wurde es wieder entmagnetisiert. Trafen Wellenzüge ein, schwächten diese die Magnetisierung des ersten Magneten, was eine Knackfolge im Hörer hervorrief. Marconi setzte seinen bedienungseinfachen Detektor noch bis etwa 1912 neben Kristalldetektoren und den ersten Röhrengleichrichtern in großer Stückzahl in Empfängern ein, obgleich er unempfindlicher als die Kristalldetektoren war.
Da Magnet-Detektoren wie die Feilichtfritter nur auf die ersten stärksten Schwingungen der empfangenen Wellenzüge ansprachen, erzielte Schloemilch (AEG/Telefunken) 1903 mit seiner offensichtlich alle Schwingungen ausnutzenden Elektrolytischen Zelle bessere Resultate. In einem Glasgefäß tauchten zwei Platindrähte als Elektroden in verdünnte Schwefelsäure. Das eine, sehr dünne Drähtchen (0,002 ... 0,003 mm o) war glasummantelt und ragte nur ein kurzes Stückchen aus seiner Glashülle. HF-Spannungen verringerten den Ruhewiderstand (einige tausend Ohm) zwischen den Elektroden. Mit einer in Reihe geschalteten einstellbaren Gleichspannung entstanden aus den Stromänderungen Rauschfolgen im Rhythmus der Wellenzüge. Die Erfolge mit den elektrolytischen Zellen u.A. in den Empfängertypen E4  und Z.M. in Telefunkenanlagen führten auch zu Versuchen anderer Forscher mit flüssigen Elektrolyten, wie z. B. Fessenden 1904 in den USA, Ferrié 1905 in Frankreich. Telefunken brachte sogar 1912 noch eine umschaltbare Mehrfachzellen-Anordnung heraus, den Dreispitzen Detektor.
Der Einsatz von Kristalldetektoren nach Braun (u.A. im Empfänger E5 von Telefunken) war ab etwa 1906 ein großer Fortschritt im Hörempfang. Die Detektoren wurden zwischen Empfängerschwingkreis und Hörer geschaltet und »demodulierten« die Wellenzüge der Knallfunkensender durch Gleichrichtung, so dass die Funkenfolgen der Knallfunkensender von 20 ... 50 ... 100 Hz als Knarren hörbar wurden. (Die Sender wurden auch als Knarrfunkensender bezeichnet.) Da bei HF-Gleichrichtung alle Schwingungen der Wellenzüge zur Wirkung beitragen, stiegen Empfängerempfindlichkeit und damit die Reichweite je nach dem Verhältnis »Durchlasswiderstand zu Sperrwiderstand« des verwendeten Detektors z.T. sogar gegenüber den elektrolytischen Zellen.
Kristalldetektoren bestehen aus zwei Elektroden mit punktförmiger Berührung, von denen eine ein Mineral ist (Pyrit, Bleiglanz, Kupferkies, Molybdänglanz), die andere eine Metall- oder Graphitspitze. Bei einigen Detektoren benutzte man auch zwei sich annähernd punktförmig berührende Mineralien (z.B. Rotzinkerz-Kupferkies). Einige Mineralien arbeiten besser mit einer geringen Vorspannung (Größenordnung 1 V =), wie z. B. Pyrit, Wismutglanz u.ä. Es wurde sehr viel mit Kristalldetektoren experimentiert, um eine hohe elektrische Empfindlichkeit, leichte Einstellbarkeit, hohe Standfestigkeit der Kontaktstelle und Unempfindlichkeit gegen elektrische Überlastungen durch eigene Sender oder Gewitterstörungen zu erreichen.
Die Punkte mit Gleichrichterwirkung auf der Oberfläche eines Minerals müssen in der Regel gesucht werden. Da die Gleichrichtung auch vom Kontaktdruck abhängig ist, muss dieser einstellbar sein. Es gab sehr einfache Konstruktionen, wie den Marconi-Detektor, wo ein Griffel mit Kontaktspitze in einem Kugelgelenk über dem Kristallbrocken bewegt werden konnte, um die Stelle günstigster Gleichrichtung zu finden. Andere Firmen fertigten  mechanisch sehr aufwendige Ausführungen mit Stellschrauben für den Ort der Kontaktstelle sowie den Kontaktdruck.
Die Kristalldetektoren bestimmten dann auch die Empfängerschaltungen besonders nach Einführung der Stoßerregung im Telegrafiesenderbau ab 1908 (Löschfunken, rotierende Funkenstrecken). Desgleichen waren sie ab 1907 wichtige Bauteile in den Empfängern für Funktelefonie mit ungedämpften Wellen (Lichtbogen-  und Maschinensender). Erst nach dem Ersten Weltkrieg lösten Röhren-Audion-Empfänger mit wesentlich höherer Empfindlichkeit und Trennschärfe zusammen mit den Röhrensendern die Detektorenempfänger der Funkstationen ab. Im privaten Bereich folgte jedoch mit Beginn des Unterhaltungsrundfunks ab 1923 nochmals ein Aufschwung mit den preiswerten Detektorenempfängern im Nahbereich von Ortssendern, bis sie von leistungsfähigen Röhrengeräten mit Lautsprechern verdrängt wurden.


Zum Teil 1: Faraday - Maxwell - Oerstedt - Hertz - Branly - Popow - Marconi
Zum Teil 3: Der Aufschwung mit den tönenden Funken
Zum Teil 4: Die drahtlose Telegrafie mit gedämpften Wellen bekommt Konkurrenz
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Version: 12-jun-01 / Rev.: 11-Jun-11 / HBu